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Lyrik von Cornelius Melville

September 29, 2017

Römische Episode[1]

am donnerstag, den 16. oktober 2003, 18.00 -20.00 uhr, -genauer: während der herbstferienreise
des deutschen studienrates ins immerwährende rom- jährte sich zum 25. male die wahl von
papa giovanni paolo II auf den thron petri. was ich natürlich wusste und nicht eingeplant hatte.
dies meine unauslöschlichen erinnerungen und unverwelklichen eindrücke:

                             I
Beim Fest der Sammlung und Gesänge,
Das Petri Stuhl mit viel Gedränge---
 
Erst aus Berninis Zuckerzange[2]
Trat Mönch nebst Nonne, süßlich-bange,                                        
Doch warens die alleine nicht,
Die blinzend kamen an das Licht.
Wer nennt die  andachtsvollen Scharen
Die huldigend beisammen waren,
Wer nennt die Scoten, Goten, Geten[3]
Die hieher kamen, anzubeten?
Wen stärkte nicht der Picten[4] Chor-
Gesang, der gröhlend schwob[5] empor?
Das bergichte Helvetierland,
Ja sogar noch Brasiliens Strand
-Dass ich der Chaucen[6] nicht vergesse!-
Entsandten Pilger zu der Messe.
Und Polens schönes Rot und Weiß
Umflattert im Triumph den Kreis.
 
---Mit viel Gedränge, wollt’ ich sagen,
Umbrandete wie Wogenschlagen,
Ward ich, da ich nicht gleich enteilt,
Im Petersplatze eingekeilt.
 
                  II
Da naht herzu auf leisen Sohlen[7]
Mit dunklem Rock und Priesterkragen
Ein Mann. Will er die Zeit erfragen?
Will er bei mir sich Rats erholen?
 
Ein Mikrophon in seiner Hand.
Und links ein Typ mit Kamera.
Vom Fernsehn also sind die da.
Jetzt bin ich aber mal gespannt.
 
„Escs wu parle franksä, monsjö?-[8]
Du ju spiek inglish?“ „Jes Ei du!“[9]
„Plies sei, wot is se pohp for ju?“[10]
Und schob das Sprechdings in die Höh.
 
Die Antwort will ich übertragen.
Auch Luther hat einst deutsch geredet,[11]
Als er den Papst zu Rom befehdet.
So konnt’ ich nichts und alles sagen.
 
„Die Mutter hat mich stets gelehret:
'Wenn du zu Gast bist, sei bescheiden!
Die Leute mögen den nicht leiden
Der alles über’n Haufen kehret.'
 
Der kluge Rat war leicht zu fassen!
Wie half er mir Verdruss ersparen!
Auch heut’ will ich nicht heimwärts fahren
Und üblen Ruch hier hinterlassen.“
 
„Sind Sie katholisch?“ „Eher nicht!“
Da endete das Interview.
Die Kamera klappt wieder zu,
Das Lächeln rutscht’ ihm vom Gesicht…
             III
Lendenlahm mit wunden Füßen
Lag ich patt in der Albergo,
Zubenannt „Giordano Bruno“.[12]
Lag dort müde, wollte schauen,
Was der Bildfunk bringen würde.
Und er zeigte, wie erwartet,
Jubelszenen, heit’re Massen,
Und ich sah in den Gesichtern
Lauterkeit und Papst-Verzückung.
Als man sie zum Sprechen nötigt,
Kam es so, wie ich befürchtet:
Dass sie –ach!– den Papst verehrten
Und vom Himmel Wohlsein flehten.-
Nicht mal bis zum Kehlkopf reicht’ die
Frömmelnde Gedankentiefe,
Was mich dergestalt berührte,
Dass ich mich in Tränen wandte
Und den „power-off“-Knopf drehte…
            IV
„In Rome“,  so sagt der Volksmund weise
„Just do it as the Romans do!“
Gewiss, gewiss, ich bin schon leise.
Nur dieses lässt mich nicht in Ruh’.
Die Frage hat mich überwunden;
O macht, dass mir einst Antwort wird:
Wenn jemand seinen Gott gefunden:
Was braucht er noch den Oberhirt?[13]



[1] Römische Episode, nicht etwa Römische  Elegie!
[2] Spott- und Ekelname für die den Petersplatz umklammernden Kolonnaden Berninis. Ha! Das saß!
[3] Antike Völker, die heute wesentlich noch in Kreuzworträtseln fortleben. Die Geten mögen etwas gesucht scheinen, aber auch die hat’s gegeben, und außerdem: weiß jemand einen besseren Reim auf „anzubeten“? Na also!
[4] Ehemals Bewohner Schottlands, die dem Vordringen der Römer ein erfolgreiches „Halt!“ entgegen gröhlten, was in ihren Fußballgesängen fortlebt. Trotzdem verlieren die dauernd, die Pfeifen. 
[5] Eigentlich „schwebte“. Die Form „schwob“ ist während der sog. mittelniederlangobardischen Lautverschiebung entstanden. Dass ihr’s nur wisset. 
[6] Bewohner der Norddeutschen Tiefebene. Unsere Ahnen!
[7] Das mit den „leisen Sohlen“ ist dichterische Überzeichnung und Reimnot. Der hätte sogar Knallerbsen an den Fußsohlen haben können, bei dem Krawall dortselbst hätte ich auch die nicht gehört.
[8] Gelobt sei der fremdsprachliche Unterricht an den deutschen höheren Lehranstalten. Ich habe sofort verstanden, dass ich ihn nicht verstehen würde. Tiefempfundener Dank an alle Französisch-Curricula!
[9] Eine gute, starke Lüge! Was tut man nicht alles, um im Feindesland zu bestehen?!
[10] Er eröffnet das Duell mit einer messerscharfen, überfallartigen Frage. Typisch Kirche!
[11] Und vor allem konnte er allenfalls Rumpel-Englisch, genau wie ich. Statt King Henry VIII schrieb er „Gegen König Heinz!" Glaubt man’s ?
[12] Die Stelle, wo die Allerheiligste Inquisition im Verein mit der Heiligen Mutter Kirche Giordano Bruno  auf dem Campo Fioro (Blumenwiese) im Februar 1600 verbrannt hat, um das neue Jahrhundert angemessen zu begrüßen, ist durch ein wunderschönes Bronze–Denkmal dieses Philosophen bemerkenswert. Romreisende sollten es unbedingt betrachten!
[13] Die Frage gilt mittlerweile als obsolet, um nicht zu sagen: strengstens verboten. Die unwidersprochene Notwendigkeit eines Papstes ist die Basis eines widerspruchsfrei-axiomatischen Systems, das sich katholische Theologie nennt. Versucht gar nicht erst, darwider zu löcken, ihr Kleingläubigen. Übel möchte es euch sonst ergehen!

 

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